Ausgangslage: Vorstellungen der Zukunft teilen
Wir haben in einem Strategieprozess mit mehreren aufeinanderfolgenden Schritten experimentiert. Ausgangspunkt war eine Zukunftsmethode, bei der die Teilnehmenden ihre Vorstellung der Zukunft teilten. Aus den Diskussionen bildete die Gruppe Cluster und entwickelte strategische Fokusfelder. Die KI hörte zu und hatte – wie auch die Kleingruppen – die Aufgabe, aus den Vorstellungen zur Zukunft strategische Handlungsfelder und Stossrichtungen abzuleiten. Die Absicht: erkunden, wo die KI ergänzend oder unterstützend wirken kann.
Vorgehen: der KI einen klaren Rahmen setzen
Eine zentrale Entscheidung war dabei: Die KI soll kein Wissen und keine Daten ausserhalb des Transkripts beziehen – keine Branchenvergleiche, keine Trendanalysen. Diese Einschränkung war bewusst gewählt. Sie musste so nah wie möglich am tatsächlich Gesagten bleiben. Die Gründe: 1) Wir wollten einen Overload an Ideen und Optionen vermeiden. 2) KI-Modelle neigen bei strategischen Fragestellungen dazu, unabhängig vom tatsächlichen Kontext auf dieselben gängigen Begriffe und Inhalte zurückzugreifen, anstatt kontextspezifisch zu antworten. Die Forschung hat dafür inzwischen einen eigenen Begriff geprägt: Trendslop (Romasanta, Thomas & Levina, Harvard Business Review, 2026). Eine Studie zeigt, dass grosse Sprachmodelle bei strategischen Empfehlungen systematisch zu denselben populären Kategorien tendieren – unabhängig vom tatsächlichen Szenario, das vorliegt. Die KI sollte also möglichst präzise verdichten, was in der Gruppe tatsächlich prozessiert wurde.
Ergebnis: treffend im Ergebnis
Die strategischen Themenfelder der Gruppe waren inhaltlich vergleichbar mit jenen der KI. Das war methodisch interessant: Die KI lieferte keine Glättung, sondern Erkenntnisse, die den tatsächlichen Diskussionsstand abbildeten. Die KI leistete hervorragende Arbeit für: Clustering-Arbeit abnehmen, Struktur in Gesprächsmaterial bringen, Vorschläge für die Gruppe erarbeiten.
Knackpunkt: menschliche Anschlussfähigkeit
Aber genau hier trat eine interessante Beobachtung auf: Obwohl die Ergebnisse inhaltlich mit den Themen der Gruppe übereinstimmten, konnten die Teilnehmenden nicht an die KI-Outputs andocken. Es war nicht so, dass die Gruppe die Ergebnisse als «falsch» einordnete oder nicht verstanden hätte. Trotzdem blieben die KI-generierten Inhalte der Gruppe fremd. Es entstand ein Bruch im Prozess. So blieb der Raum zwischen dem Erlebtem und dem, was dazu im KI-Chat ausgespielt wurde, irgendwie leer.
Erkenntnis: Sensemaking im Prozess entscheidend
Die gefühlte Leere entstand nicht aufgrund mangelnder Qualität oder Genauigkeit der KI-Outputs, sondern aufgrund der Art und Weise, wie diese entstanden sind. Die Inhalte der Gruppe entstanden durch einen komplexen Prozess von Gruppenarbeiten: durch Diskussion, Widerspruch, Präzisierung, durch gemeinsames Deuten der Gesprächsfragmente. Dieser Prozess der gemeinsamen Verdichtung und des Sensemaking (Karl E. Weick, 1995) erzeugt etwas, das eine KI-Synthese nicht erzeugen kann: emotionale Relevanz durch die Auseinandersetzung und damit eine (Ver-)Bindung zu den Inhalten. Ja, vielleicht sogar das Gefühl, etwas schöpferisch und vor allem gemeinsam erschaffen zu haben.
Was wir für die Praxis ableiten
Der Prozess der Sinnstiftung, in dem komplexe, mehrdeutige Situationen gedeutet und dadurch handlungsleitend werden sowie Orientierung stiften, bleibt menschlich. KI kann Clustering-Arbeit abnehmen und damit den Prozess inhaltlich unterstützen. Sie kann die zwischenmenschliche und emotionale Auseinandersetzung mit den Inhalten jedoch nicht ersetzen, vor allem wenn es darum geht, dass in einer Gruppe eine Identifikation mit Diskussionsergebnissen entsteht.
Strategieprozesse sind Verständigungs- und Meinungsbildungsprozesse. Die Qualität eines Ergebnisses ist dafür eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung. KI kann diese inhaltliche Arbeit wirksam unterstützen, sie kann jedoch den sozialen Prozess der gemeinsamen Bedeutungsbildung und damit die Identifikation mit den Ergebnissen nicht ersetzen.
Die spannende Frage für uns lautet deshalb nicht mehr, ob KI Strategiearbeit unterstützen kann, sondern wie wir die Schnittstelle zwischen maschineller Verdichtung und menschlicher Anschlussfähigkeit wirksam gestalten können.
Beschäftigen auch Sie diese oder ähnliche Fragen? Wir begleiten Sie in Ihrem Strategieprozess. Kontaktieren Sie uns!